Reiseimpressionen 2002 · 10 Juli 2006, 17:06 by IDEAS
Impressionen und Notizen zur Kosovoreise 10.09.-15.09.2002,
aufgezeichnet von Elvira Prohaska, IDEAS-Vorstandsmitglied.
10.09.
Es heisst früh aufstehen. Der Charterflug soll um 8.30h sein, und wir sind angehalten eineinhalb Stunden vorher einzuchecken. Doch schon beim Eintreffen am Flughafen ist klar, dass es die Fluggesellschaft mit den Zeiten nicht so genau nimmt. Der Flug ist um mehr als eine Stunde später angezeigt. Gegen 11h heben wir endlich ab.
Nach zweieinhalb Stunden landen wir bei strahlendem Wetter in Pristina. Die Pass-und Zollkontrollen werden von UNMIK-Angehörigen durchgeführt, heute sind es Inder, die die drängenden Massen in einer grossen, rohwirkenden Halle abfertigen. Auf dem Flughafengelände sieht man UNMIK-Menschen allerlei Nationen und Hautfarbe. Vor dem Flughafengebäude werden wir von Valon, unserem Mitarbeiter, herzlich empfangen. Vorbei an russischen UNMIK-Sicherheitskräften am Flughafenausgang fahren wir ohne Umschweife nach Istog, dem Standort unserer geplanten Fabrik im Nordwesten des Kosovo. Valon hat dort ein Treffen mit Vertretern der Burimi-Association, unseren potenziellen Kartoffellieferanten, vorbereitet und einen Raum zur Demonstration der ersten Chipsfabrikation geheuert.
Die Hauptstrasse ist in schlechtem Zustand, wir umfahren oder rumpeln durch viele Schlaglöcher. Viele neugebaute oder im Rohbau stehende Häuser fallen auf, sehr viele Tankstellen säumen die Strasse, viele zerschossenen Häuser, Ruinen und auch ganze Dörfer zeugen vom Krieg, der erst drei Jahre her ist. Bei herrlichem Sonnenschein und warmer Temperatur sieht jetzt alles so harmlos aus.
Es beschleicht mich ein beklemmendes Gefühl, stelle ich mir vor, wie die Menschen damals bei ebensolchem Wetter von heute auf morgen um ihr Leben haben fürchten müssen, wie sie einen geringen Teil ihres Hab und Gutes zusammenpackten und flüchteten auf eben dieser Hauptstrasse. Unvorstellbar. Jan und Valon bemerken die rasanten Veränderungen an der Strasse und fragen sich, was wohl nach dem Bauboom kommen wird. Je weiter wir fahren, desto spärlicher wird auch die Präsenz von internationalen Militärfahrzeugen, erst in den Ortschaften fallen sie wieder vermehrt auf.
Nach zwei Stunden erreichen wir unser Ziel. Istog ist ein kleines Provinzstädtchen ohne eigentliches Zentrum, aber mit einem grossen Hotel aus Marschall Titos Zeiten, bekannt für seine Forellenzucht im Hotelteich. Dort erwarten uns die Burimi-Leute, und dort sollen wir auch unsere Chips backen. Leider erweist sich die Hotelküche infrastrukturell als ungeeignet für unsere Zwecke und ein penetranter Geruch von altem Frittieröl und Fisch wabert durchs Gebäude. Wir improvisieren. Kurzerhand mieten wir einen kleinen, ziemlich heruntergekommenen Ferienbungalow auf dem Hotelareal, kaufen im nächsten Laden literweise Sonnenblumenöl, made in Serbia, Eimer und ein Drahtnetz, das als Abtropfrost dienen soll. Kartoffelschälmesser, Friteuse und technisches Messgerät, Backanleitung und Qualitätstests haben wir aus der Schweiz mitgebracht. Wir installieren uns im Bungalowzimmer und beginnen mit der Arbeit. Zwei Kartoffellieferanten haben diverse Kilogramm gebräuchlicher Kartoffelsorten bereitgestellt. Ich schäle, wasche und schnetzele die Herdöpfel nach vorgegebenem Standard vor dem Haus, Jan instruiert Valon in der spezifischen Stärkemessung und frittiert selbst in unserer Miniküche nach in der Schweiz und Europa praktizierter Backanleitung, während sich draussen immer mehr Publikum ansammelt. Drinnen werten wir die Backproben nach internationalen Qualitätskriterien aus. Neugierige und auch staunende Blicke begleiten das Auslegen der Chips zum Trocknen im Freien. Die Burimi-Männer sind beeindruckt. Wir haben mit ihren Kartoffeln die ersten Pommes-Chips fabriziert, und sie genügen im Vergleich mit mitgebrachten schweizer und anderen europäischen Marken allemal den Qualitätsanforderungen! Wir alle freuen uns und feiern den gelungenen Auftakt mit einer Runde Bier im Hotel. In der Dämmerung fahren wir Richtung Gjakova, wo auch unser Büro im Kosovo ist.
11.09.
Das Hotel in Gjakova ist beeindruckend: Ein riesiger kubistisch anmutender Betonkasten aus der sozialistischen Aera, ungerührtes Personal und kleine, ungepflegte mahagoniholzbraune Zimmer. Dennoch gut geschlafen. Am Morgen beim Haareföhnen der erste Stromausfall. Es wird noch einige mehr geben. Das E-Werk des Landes wurde bei den Natobombardements beschädigt und arbeitet mit einem drittel Kapazität.
Heute wollen wir die BESA-Frauen in Decani besuchen und ich freue mich, Aferdita Mazrekaj wiederzusehen, die im März beim IDEAS-Podium in Winterthur teilnahm und bei mir wohnte. Doch zuerst einmal Begutachtung des IDEAS-Büros im Bankos-Gebäude, dem ehemaligen Bankgebäude im Zentrum der Stadt. Zuvor aber auch noch zwei Double Macchiato zum wach werden. Sitze im Strassencafé als einzige Frau in einer am frühen Morgen schon Ketterauchenden Männergesellschaft.
In Decani begrüssen uns Aferdita und fünf weitere Frauenaus der Frauengemeinschaft. Vorgesehen ist, dass wir uns über die aktuellen Arbeiten der Frauen austauschen und ich ihnen Ton als ein mögliches neues Arbeitsmaterial vorstelle. Ausserdem wollen wir die Bedingungen und Möglichkeiten erörtern, Gemüse, Früchte und besonders Kastanien, die in der Gegend als Lebenssmittel bekannt sind, zu sammeln und zu konservieren. Mit dem Verkauf der verarbeiteten Lebensmittel könnte sich ihnen eventuell eine weitere Einnahmequelle öffnen. Zur Zeit erarbeiten sich die Familienfrauen ein sehr geringes Einkommen mit Handarbeiten, meist Stickereien und der Herstellung von folkloristischen Puppen. Nach Begrüssungssäften-und Kuchen fahren Jan und Valon weiter zu einem weiteren Meeting mit der Burimi-Association, während ich auf den versprochenen Dolmetscher warte. Ich spreche nicht albanisch und keine der Frauen spricht englisch. Nach langem vergeblichem Warten und Verständigung mit Händen und Füssen und viel Lachen stelle ich fest, dass eine der Frauen rudimentär Spanisch spricht. Und so beginnen wir den Fachaustausch auf Spanisch/Albanisch, bis der Uebersetzer nach zwei Stunden doch noch kommt. Es ist der Sohn einer der Frauen, der während des Krieges ein Jahr in Deutschland zur Schule ging und recht gut deutsch spricht. So diskutierten wir sehr aufgeschlossen und rege die für die Association ökonomisch sinnvoll erscheinenden Strategien der Zukunft multilingue.
Die Frauen sind enttäuscht von den Versprechungen einiger ausländischer Hilfsorganisationen, haben selber keine Vorstellung oder Vision, wie sie ein wirtschaftlich nachhaltiges Einkommensprojekt aufziehen könnten, und sind deshalb sehr zurückhaltend bezüglich unserer Vorschläge. Sie verlassen sich lieber auf das, was sie können und auch selbst gerne haben (Puppenkleider, Handarbeiten). Die Idee der Gemüse-und Früchte-Konservierung scheint ihnen unrealistisch, die Arbeiten mit Ton dagegen als künstlerische Herausforderung und ökonomische Idee einleuchtend. Als Beispiel für ein Souvenir aus Ton, das sich als typisches Landeskennzeichen hitartig verkaufen lässt, brachten wir einen bunten und figurenreichen Minibus aus Kolumbien mit. Unter grossem Gelächter überlegten sich die Frauen dann, was denn ein typisches Andenken aus dem Kosovo sein könnte, und begannen tatsächlich kleine Panzer, Gewehre, aber auch Untersetzer mit Landschaftsszenen u.a .zu modellieren.
Wir einigen uns darauf, bis zum Wochenende einen Wettbewerb auszuschreiben, an dem sich alle Frauen der Association mit ihren Kreationen aus Ton beteiligen sollten. Die besten Objekte würden prämiert. Die anfänglichen Aengste, es gäbe keinen Ton im Kosovo, entkräftet der initiative, junge Dolmetscher mit der Bemerkung, woraus denn die vielen Ziegel gemacht seien, aus denen die Häuser gebaut würden?
Beschwingt fahren wir, auch die beiden IDEAS-Männer hatten einen erfolgreichen Tag, am Abend nach Gjakova zurück.
12.09.
Heute ist Chips-Promotion-Tour bei den möglichen Donororganisationen und der American Bank of Kosovo angesagt. Hinein ins staubige Getümmel von Pristina!
Zuerst wird die American Bank of Kosovo im Zentrum besucht, um mögliche Darlehenskonditionen abzuklären. Am Eingang die üblichen Sicherheitvorkehrungen mit Abgabe von Messern!, Schusswaffen! und anderen gefährlich sein könnenden Gegenständen. Wir haben nur unsere Handies und Portemonnaises abzugeben, bevor uns der verabredete Bankmitarbeiter empfängt. Hi everbody. Shake hands. Die von uns im Büro Gjakova abgepackten und vakuumisierten Chips gefallen. Easy. Ebenso in der amerikanischen Entwicklungshilfezentrale auf dem „Noblenhügel“, von dem man eine gute Sicht auf die gesamte Stadt hat.
Und auch wieder zurück downtown bei Herrn Vega, dem Vertreter Luxemburgs, dessen Regierung gegenwärtig unseren Projektvorschlag der Kartoffelchipsfabrik eingehend prüft. Die Chips schmecken und sprechen an. Mit Herrn Vega tauschen wir den aktuellen Stand der Dinge und Neuigkeiten aus Istog aus und gemeinsam hoffen wir weiter auf einen positiven Entscheid der Luxemburger Regierung.
Pristina selbst ist eine brodelnde, geschäftige Stadt. Sämtliche UNMIK-Büros und Verwaltungsapparate sind dort ansässig und dementsprechend multikulturell zeigt sich auch das Strassenbild. Doch das Atmen fällt bei diesem Verkehr und der Hitze schwer.
Wir verlassen die Stadt eilig in Richtung Rahovec. Wir wollen in einer Fabrik noch Maschinen für unsere künftige Produktion anschauen. Wir fahren durch eine liebliche Landschaft mit viel Weinreben und passieren ein altes Weinkelter-und Abfüllkombinat. Es hat die Dimensionen einer Oelraffinerie und die riesigen Tankbehälter beinhalten wohl noch zigtausende Liter Wein von schlechter Qualität. Sie sollen zum Strecken von ausländischen Weinen verkauft werden, heisst es.
Der Besuch in der Maschinenfabrik vermittelt uns einen ersten Eindruck, welche Maschinen gebraucht und im Land beschafft werden könnten.
Zurück in Gjakova reflektieren wir den Tag und besprechen ebenso, wie jeden Abend, die anstehenden Arbeiten des nächsten Tages bei einer Pizza, dem beliebtesten Nahrungsmittel im Kosovo, wie es scheint.
13.09.
Bürotag, Vorbereitung der Gesprächsrunde mit den zwei Ansprechpartnern der Burimi-Association, Herrn Kadri und Herrn Islami. Besprochen werden soll die weitere Vorgehensweise und Zusammenarbeit mit der Association. Da wir immer noch nicht wissen, ob das Projekt von den Luxemburgern finanziert wird, gilt es Alternativen und Finanzierungspläne zur Durchführung des Projektes anzubieten. Eine delikate Situation. Wir diskutieren intensiv und sorgfältig die Vor-und Nachteile der drei machbaren Optionen und bereiten Flipcharts und Tabellen zu jeder Option vor.
Das Treffen am Nachmittag in unseren Büroräumen und dem Sitzungssaal daneben gestaltet sich äusserst fruchtbar in der Diskussion und dem Ergebnis.
Die Association entscheidet sich, unabhängig vom Luxemburger Entscheid, mit IDEAS zusammenarbeiten zu wollen und die Chipsfabrik zu bauen. Sie seien bereit, die von uns als eine Option vorgeschlagene Lowbudget-Variante anzunehmen und die nötigen finanziellen Mittel aufzubringen. Ein berührender Moment. Wir besiegeln das Abkommen mit Handschlag.
14.09.
Fahrt nach Decani zur Jurierung des Wettbewerbes.
Wir finden die gleichen Teilnehmerinnen wie zu Wochenbeginn vor. Bei mir Enttäuschung, da ich nach dem gutverlaufenden ersten Treffen mehr Frauen erwartet hätte. Doch ihre Exponate sind recht interessant. Sie decken eine breite Palette von Souvenirs als Gebrauchs-und Kunstgegenstände ab. Die Ausführungen sind fantasievoll, aber manuell natürlich noch nicht geübt. Wir begutachten ausführlich jedes Stück und prämieren mit stattlichen Euros die ersten, zweiten, dritten und Anerkennungspreise. Sorgfältig verpacken wir die Exponate für die Reise in die Schweiz. Die Association will mit uns in Kontakt bleiben.
Weiter geht es im Büro Gjakova mit der Nachbesprechung des gestrigen Vertrages mit den Burimi-Leuten und den Inhalten der Pflichtenhefte für die kommende Zeit, sowie die gedanklichen Fadenschläge für drei neue Projektvorschläge, die vernetzte Organisationsformen und Sicherung des Warenumlaufs auf vertraglicher Basis zum zentralen Thema haben werden. Die Projektvorschläge müssen innert vierzehn Tagen ausgearbeitet sein, um sie fristgerecht einzureichen.
In der neu aufgebauten Altstadt Gjacovas lindert das abendliche Bier den grossen Durst nach staubigen Strassen und langen Planungsgesprächen.
15.09.
Auch am Abreisetag heisst es früh aufstehen. Vor dem Abflug besichtigen wir zur Datensammlung für einen neuen Projektvorschlag einen Metzgerei-Familienbetrieb in der Umgebung von Gjakova. Die Betreiber verarbeiten vornehmlich Schweinefleisch, und gedacht wird an den Ausbau des Betriebes zu einer selbsterhaltenden Schweinezucht- und Mast mit anschliessender Verarbeitung. Das Fleisch wird jetzt noch hauptsächlich aus Brasilien importiert. Wir haben Kontakte zu anderen fleischverarbeitenden Betrieben, einem Tierzuchtexperten und Veterinär und Futterherstellern geknüpft und es lohnte sich, alle Beteiligte in einem Modell zu verbinden. Der Betrieb liegt inmitten kleiner Eichenwäldchen und ich denke schon an die Eichellese für die Schweinemast…Wir werden sehen. Auf Jan und Valon wartet viel Arbeit in den nächsten Tagen, vorerst wieder an verschiedenen Arbeitsorten und bald wieder im Kosovo!


